Ausstellungsführer
Lucas Erin. La ronde
Manor Kunstpreis Waadt 2026
Espace Projet, 28.8.2029 — 14.2.2027
Die Arbeit von Lucas Erin umfasst Installationen, Skulpturen und Klang. Der Künstler interessiert sich für den Begriff des Kontakts, dessen Spuren die Objekte sind, befasst sich aber auch mit der Frage nach den Beziehungen und der schwankenden Grenze zwischen Innen und Aussen. Mit konzisen Mitteln erkundet er, wie ein Austausch gelingt oder scheitert. Fragen der Zirkulation und des Teilens stehen im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Seine Fundstücke und seine sorgfältig gefertigten Skulpturen sind Träger verflochtener Geschichten und zugleich Anzeichen für neu entstehende Narrative. Inspiriert von Denker:innen der Kreolisierung und mit einem frischen Blick auf sein martinikanisches Erbe, das er durch das Prisma der Beziehung zur Erde und den in dieser wurzelnden Pflanzen betrachtet, arbeitet Erin mit Assoziationen, Wiederherstellungen und Verschiebungen, um im Ausstellungsraum neue Möglichkeiten entstehen zu lassen.
Zwischen der Insel Martinique und seinem Atelier in Lausanne, vom Garten seiner Grossmutter aus, in dem eine üppige Flora und Fauna gedeiht, und anhand langer Gespräche beidseits des Atlantiks hat der Künstler sein Ausstellungsprojekt konzipiert und entwickelt. Der Titel – La ronde (Die Runde) – erinnert an einen Rundgang durch den Garten am frühen Morgen und verweist auf die Rhythmen der Jahreszeiten und der Vegetation unter verschiedenen Breitengraden, aber auch auf die sich an einem Ort überlagernden Zeitschichten: die langsame Zeit der Natur im Konflikt mit der beschleunigten Zeit ihrer Ausbeutung und Umwandlung, aber auch die Zeit der Kolonialgeschichte und ihre Verästelungen in der Realität und den Vorstellungswelten der Gegenwart. Die vom Künstler verwendeten Materialien – Bronze, verbrannter Sand, Kabelhüllen – vermitteln und verdichten Fragen der Zeitlichkeit und der Kreisläufe von einem Zustand der Materie zum anderen, von einem Ort zum anderen, von einer Zeit zur anderen.
So sind Blütenblätter aus Bronze, die durch das Ausgiessen flüssigen Metalls aus einem Schmelztiegel geschaffen wurden, auf einer Wand verstreut und fallen in unregelmässigen Abständen zu Boden (Lyannaj, 2026). Die durch farbige Kabelhüllen in Blumenform gehaltenen Blätter erinnern an den Garten und seine Blütezeit. Aufgrund ihrer Materialität verweisen die herabfallenden Bronzeblätter zudem auf andere Stürze, jene von Bronzedenkmälern, die – gäbe es nicht den kollektiven Willen, sie als Symbole gewalttätiger Kolonialgeschichten aufrechtzuerhalten schliesslich von selbst in sich zusammenstürzen würden. Doch im Gegensatz zu den Denkmälern sind Erins Blütenblätter fragile, sich wandelnde Objekte, die herabfallen und ihr Leben auf dem Boden fortsetzen, um dann wieder ihren Platz an der Wand einzunehmen und erneut her-abzufallen. Sie sind in Umlauf, in Bewegung.
Die Bewegung lässt sich in den Objekten erkennen, selbst wenn diese statisch sind. So kann man auch in den Schmelztiegeln, die an den Wänden hängen, noch letzte Tropfen der vergossenen Bronze sehen (Ti Gout, 2026); sie erinnern an Leitungssysteme, durch die Wasser oder Strom fliesst.
In Ti Biten (2026) ist die Bronze im Kontakt mit instabilen, beweglichen Materialien – verbranntem Sand, Grafit, Elektrizität – einem ständigen Wandel unterworfen. Schon der Werktitel ist vielsagend: ti biten bedeutet auf Kreolisch «kleine Sache» und klingt wie butin (Beute); er verweist auf das, was geborgen, und zugleich auf das, was erbeutet wurde. Stets geht es also um Zirkulation von Wörtern und Gütern. Von dem, was entwendet, und von dem, was zurückerstattet wird – oder auch nicht. Doch aus dieser freiwilligen oder erzwungenen Zirkulation entsteht unweigerlich eine Form der Verknüpfung.
Das Thema der Verknüpfung zieht sich seit den Anfängen des Künstlers durch sein Schaffen, wie Untitled (Darren Roshier) aus dem Jahr 2014 zeigt: ein Portemonnaie, die alle persönlichen Dokumente einer Person enthält – Ausweis, Bankkarten, Glücksbringer und Kleingeld. Es ist ein äusserst wertvolles und intimes Objekt, das hier der Neugier der Besuchenden ausgesetzt ist und stellt das für seine Zurschaustellung erforderliche Vertrauen auf die Probe, spielt aber auch auf die vielfältigen Formen des Austauschs an – von Geldtransaktionen bis zu Identitätswechseln.
Auf einem USM Tisch hat der Künstler Drucke ausgelegt, die durch die Weise, einen Ort wiederzugeben, an das Kolonialerbe erinnern: Fragmente einer Touristenkarte von Martinique werden neu zusammengesetzt, wodurch einige Details wie durch ein Fernglas vergrössert und andere verdeckt werden (Île aux fleurs, 2026). Die Insel wird uns nicht als Konsumgut, sondern als komplexe Realität präsentiert, die es zu entschlüsseln gilt.