Die Gäste der Sammlung
Ein neues Konzept für die Sammlungspräsentation
Die «Gäste der Sammlung» sind Werke aus dem Besitz von Privatpersonen, mit denen das MCBA seit Langem vertrauensvolle und freundschaftliche Beziehungen pflegt. Die Leihgaben werden für einen grösseren Zeitraum, der bis zu achtzehn Monate dauern kann, zur Verfügung gestellt. Ziel ist es, neue Begegnungen mit den Sammlungsbeständen des MCBA zu ermöglichen, einem Ensemble, das keineswegs erstarrt ist, wie man das allzu oft meint, sondern sich in ständiger Bewegung befindet. Die «Gäste» eröffnen neue Perspektiven für die künftige Entwicklung der Sammlung, verweisen auf Lücken und bieten Assoziationen an. Auf ungewöhnliche Weise lassen sich so eine Zeitlang selten ausgestellte Werke entdecken, die von ihren Besitzerinnen und Besitzern grosszügig zur Verfügung gestellt werden.
"Vespasian und Titus bejubelt"
1677–1688, Werkstatt von Gerard Peemans nach dem Karton von Charles Poerson

Dieser flämische Wandteppich gehört zu einer achtteiligen Tapisseriefolge, welche die Geschichte der römischen Generäle Vespasian und Titus während des Ersten Jüdisch-Römischen Kriegs (66–73 n. Chr.) erzählt. Damals gelang es den römischen Truppen – vor allem durch die Eroberung Jerusalems im Jahr 70 – den jüdischen Aufstand niederzuschlagen. Die acht Sujets der Folge, die nach Kartons des französischen Malers Charles Poerson in den Brüsseler Werkstätten von Gerard Peemans angefertigt wurde, illustrieren den Parcours der beiden Heerführer, über den antike Quellen wie Der Jüdische Krieg von Flavius Josephus berichten. Die Tapisserien erinnern wie Joseph als Gefangener vor Vespasian und Titus, Die Erstürmung einer Stadt (Eroberung Jerusalems) oder Der Triumph von Titus und Vespasian (triumphaler Einzug in Rom) an die bedeutendsten Ereignisse dieses Konflikts, sind aber auch allgemeineren Themen gewidmet, sodass es den Interessenten freisteht, auf bestimmte Stücke zu verzichten, ohne dass die Erzählung in ihrer Gesamtheit beeinträchtigt würde. Vespasian und Titus bejubelt zeigt Vespasian (in blauer Tunika) und seinen Sohn Titus (zu seiner Rechten) bei einer adlocutio, einer an ihre Truppen gerichteten feierlichen Rede, eine Szene, die in der römischen Kunst oft auf konventionelle Weise dargestellt ist. Die Soldaten hören aufmerksam zu, während ein Offizier Vespasian als Siegeszeichen einen Lorbeerkranz aufs Haupt setzt. Dank der Verwendung der klassischen Komposition der adlocutio konnte der Käufer die allgemeine Bedeutung der Szene sofort erfassen: Die beiden siegreichen Generäle zeichnen sich durch ihre Vorbildlichkeit aus, was erlaubt, eine subtile Parallele zum Erwerber zu ziehen. Tatsächlich waren die äusserst kostspieligen Stücke für die Vertreter der wohlhabendsten Schichten bestimmt, darunter viele Persönlichkeiten aus Militärkreisen.
Die Fondation Toms Pauli bewahrt fünf Tapisserien zur Geschichte von Vespasian und Titus, von denen zwei, Die Erstürmung einer Stadt und Der Triumph von Titus und Vespasian, bis zum 8. März 2026 im Rahmen der Ausstellung Am Webstuhl der Zeit. Goshka Macuga x Grayson Perry x Mary Toms im mudac zu sehen sind.
- Vespasian und Titus bejubelt, 1677–1688, Brüssel, Werkstatt von Gerard Peemans nach dem Karton von Charles Poerson.
Wolle und Seide, 380 x 407 cm, 10 Kettfäden pro cm.
Fondation Toms Pauli, Lausanne, Inv. Toms 028, Collection de l’État de Vaud.
Foto Cedric Bregnard.
Die Fondation Toms Pauli
Die Fondation Toms Pauli wurde im Jahr 2000 vom Staat Waadt gegründet und hat seit 2020 ihren Sitz im Zentrum des Kunstquartiers Plateforme 10 in Lausanne. Sie ist auf nationaler und internationaler Ebene tätig und hat die Mission, ihre Textilsammlungen zu bewahren, zu erforschen und zu präsentieren. Dieses Kulturerbe umfasst eine prestigeträchtige Kollektion europäischer Tapisserien und Stickereien aus dem 16. bis 19. Jahrhundert und eine Sammlung von Textilwerken des 20. Jahrhunderts, deren Besitzer der Staat Waadt ist.
Die Sammlungsstücke der Fondation sind in Wechselausstellungen in der Schweiz und im Ausland zu sehen. Sie gehören sie nicht zum Parcours der Dauerausstellung des MCBA, es sei denn, es liege wie hier bei Vespasian und Titus bejubelt eine besondere Einladung vor.