Licht durchflutete die grossen Räume der Patrizierwohnung. Seppli, der Hund, wedelte und blickte mit seinen Knopfaugen zu Suzanne hinauf, die am Kopfende des grossen Sofas sass. Auf dem Salontisch standen zwei Gläser Champagner und ein Aschenbecher. Suzanne Dubois erzählte ihrem Gast von ihrem Leben mit Alain, dem angesehenen Professor für Geschichte, der Generationen von Studentinnen und Studenten prägte und mit dem sie ihr Leben verbracht hatte. Sie erzählte von ihrer Jugend in Zürich, vom Slawistikstudium, von ihren Reisen in die Sowjetunion, von der mit Alain geteilten Leidenschaft für die Kunst. Jahrzehntelang war jeder freie Tag durchgeplant mit Reisen zu Museen und Galerien in Europa und den USA. Suzannes Erzählungen begannen sich mit den hochkarätigen Kunstwerken an den Wänden und auf den Böden zu vernetzen.
Sie führte den Gast in das Arbeitszimmer und zeigte das gerahmte Foto von Alain, das dessen energiegeladene Persönlichkeit widerspiegelte. Sie vermisse das Streiten mit ihm, sagte sie. Streiten? Gewiss, die Diskussionen beim Hängen der Kunstwerke im Treppenhaus und in der Wohnung. Was ihr fehlte, war der miteinander errungene Konsens. Das Leben mit und für Kunst wurde von diesem illustren Ehepaar zelebriert, auch am grossen Esszimmertisch mit Gästen und Freundinnen und Freunden aus der Kunstwelt, unter ihnen stets auch die unvergleichliche Alice Pauli. Die Sammlung, die das Ehepaar aufbaute, umfasst Werke weltweit anerkannter Künstlerinnen und Künstler.
Wie Alain Dubois war auch Suzanne dem MCBA und dessen Freundeskreis eng verbunden. Beide haben sich mit Überzeugung für den Museumsneubau eingesetzt. Ihre Grosszügigkeit hat das Museum über viele Jahre hinweg begleitet: Bereits 1999 wurden mehrere Werke aus ihrer Sammlung in der programmatischen Ausstellung Un musée pour demain? präsentiert, später erneut in der Eröffnungsausstellung Atlas, cartographie du don, die der 2008 verstorbene Alain nicht mehr erleben durfte. Seither war Suzanne stets unkompliziert bereit, mit Leihgaben Ausstellungen und Sammlungspräsentationen des MCBA zu bereichern. Wichtige Werke durfte das Museum als «Collection Alain et Suzanne Dubois. Promesse de don» kennzeichnen.
Bei einem der letzten Treffen im museumseigenen Restaurant Le Nabi brachte Suzanne eine kleine Frauenschuh-Orchidee in einem gelben Glasflacon mit. Beim Abschied auf der Esplanade vor der Lokomotive La crocodile der Künstler Xavier Veilhan und Olivier Mosset erwähnte der Gastgeber, dass diese Arbeit ihn an Alain Dubois erinnere, den Suzanne einst als «Lokomotive» für den Standort des Museums auf der zukünftigen Platform 10 beim Bahnhof bezeichnet hatte. «Ach, Juri», sagte Suzanne mit ihrem unverhohlenen Schweizerdeutschem Akzent, in dessen leicht melancholischer Liebenswürdigkeit ein slawischer Unterton mitklang.
Wir werden Suzanne – ebenso sehr wie ihren Gatten – vermissen und in dankbarer Erinnerung behalten.
Juri Steiner, Direktor des Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne
Publié le 05 November 2026